
Kelsey Timpany X Āhua Psychology
Schalt dein Gehirn aus
Der Flow-State.
Das Ziel, nach dem alle Rider und Racer suchen.
Ein Moment, in dem alles zusammenkommt – Klarheit, Können, Fokus. Das Paradoxe daran: Er existiert nur im Jetzt. Du merkst ihn nur, wenn du mittendrin bist und sobald du ihn bemerkst, ist er oft schon wieder weg.
Kennst du das Gefühl, wenn du auf dem Bike einfach fliegst?
Jede Kurve sitzt, das Rad ist wie eine Verlängerung deines Körpers.
Und dann der Umschwung. Plötzlich läuft nichts mehr. Du bist verkrampft, triffst falsche Linien, fühlst dich wie ein Anfänger. Was ist passiert? Wo ist dein Flow hin? Gestern war er noch da, heute ist er weg.
Der Weg dorthin scheint gleichzeitig ganz einfach und verdammt schwer.
Nicht zu viel denken. Atmen. Ruhig bleiben.
Eins, zwei, drei. Meter für Meter. Tropfen für Tropfen. Puls rast. Hände zittern. Der Atem flach. Druck. Zuschauer. Risiko. Konzentration. Versunken. Erlöst. Glücklich.


Für Pivot Factory Racer Eddie Masters fühlt sich Flow an wie Stille:
„Wenn du im Flow bist und einen richtig guten Lauf hast, brichst du aus dem Startgatter, überquerst die Ziellinie und erinnerst dich an nichts dazwischen. Du hörst keine Zuschauer, kein Geräusch. Wenn du die Menge nicht hörst, weißt du: Du bist auf einem guten Run.“
– Ed Masters
Flow hat keine Formel, und jeder findet seinen eigenen Weg dorthin.
Sportpsychologin und Mentaltrainerin Taylor Rapley arbeitet mit olympischen Athlet:innen und Weltmeister:innen zusammen. In ihrer Heimat, dem Mountainbike-Mekka Central Otago, weiß man, wie eng Kopf und Körper zusammenhängen.
„Wenn Athlet:innen unter Stress stehen, tauchen oft Angst und Selbstzweifel auf. Menschen sind meist nicht besonders gut darin, unangenehme Gedanken und Gefühle einfach anzunehmen. Wir wollen sie weghaben, weil wir sie als negativ empfinden, als etwas, das wir reparieren müssen. Viele glauben, dass negative Gedanken automatisch zu schlechter Leistung führen und versuchen deshalb zwanghaft, positiv zu denken. Diese Angst vor negativen Gedanken kann jedoch das Gegenteil bewirken.“
„Je mehr du versuchst, deine Gedanken zu kontrollieren oder wegzuschieben, desto lauter und intensiver werden sie. Du verlierst das Gefühl von Kontrolle und das führt zu Überdenken, Anspannung, und sogar zu körperlichen Blockaden. Dinge, die du sonst mühelos kannst, etwa nasse Wurzeln überrollen, werden plötzlich schwierig. Dein Kopf funkt dazwischen.“
– Taylor Rapley

In der Psychologie nennt man das die Theorie der ironischen Gedankenprozesse oder Reinvestment Theory – zwei Ansätze mit derselben Botschaft:
Je stärker du versuchst, etwas zu kontrollieren, desto mehr entgleitet es dir.
Wie man den Kopf ruhig bekommt, statt Gedanken zu bekämpfen, rät Taylor dazu, sie zuzulassen und den Fokus sanft zurück auf das Hier und Jetzt zu lenken.
„Top-Athleten sind nicht frei von Angst oder Selbstzweifeln“, sagt sie.
„Aber sie können ihre Gedanken und Emotionen beobachten, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Sie schaffen Raum dafür und richten die Aufmerksamkeit wieder auf das, was zählt.“


6 einfache Tipps für Overthinker – von Taylor Rapley
- Beobachte, was dein Kopf dir erzählt. Der erste Schritt ist, zu lernen, deinen Gedanken einfach zuzuschauen. Achte darauf, was dein Geist dir erzählt und beginne zu unterscheiden, was wirklich ist, was wichtig ist und was nur Nebengeräusch. Du wirst merken: Dein Kopf ist selten still. Je gestresster du bist, desto lauter wird das Gedankenkarussell. Das ist normal und genau deshalb lohnt es sich, zuzuhören, statt dagegen anzukämpfen
- Gib deinen Gedanken einen Namen. Formuliere bewusst: „Die Geschichte, die ich mir gerade erzähle, ist …“ oder „Ich bemerke, dass mein Kopf mir gerade sagt …“. Damit schaffst du Abstand zwischen dir und deinen Gedanken. Du bist nicht deine Gedanken, du beobachtest sie nur. So gewinnst du die Kontrolle zurück, ohne zu kämpfen.
- Lass Gedanken einfach da sein. Du musst sie nicht wegschieben oder reparieren. Es ist okay, wenn sie da sind. Gedanken definieren weder dich noch dein Ergebnis und du hast nicht immer die Kontrolle darüber, was dein Kopf dir erzählt. Nimm sie wahr, erkenne sie als das, was sie sind, schaffe Raum und bring dich dann sanft zurück in deinen Körper.
- Lass deinen Körper mit deinem Geist sprechen. Oft versuchen wir, „negative“ Gedanken mit positiven zu übermalen aber das ist, als würdest du Feuer mit Feuer löschen. Stattdessen: Atme. Ein einfaches, aber kraftvolles Tool sind zehn tiefe Zwerchfell-Atemzüge, langsam durch die Nase ein, durch den Mund aus. Lang, ruhig, kontrolliert. Pause. Wiederholen. Damit sagst du deinem Nervensystem: Alles gut. Ich bin sicher.
- Komm zurück in deine Sinne. Schließ die Augen und horch, was du hören kannst. Dann öffne sie und nimm wahr, was du siehst. So holst du dich ins Jetzt – weg vom Kopfkino, zurück in die Realität.
- Fühl deine Emotionen. Benenn, was du fühlst. Versuch, den Ort im Körper zu finden, wo du dieses Gefühl spürst. Stell es dir bildlich vor, atme hinein, mach Platz dafür. Erinnere dich: Dieses Gefühl darf da sein. Gerade starke Emotionen wie Angst, Nervosität oder Frust können dich ausbremsen, aber wenn du lernst, sie einfach wahrzunehmen, verlieren sie ihren Schrecken. Diese emotionale Akzeptanz kann für Athlet:innen ein echter Gamechanger sein, besonders in Momenten, in denen die Emotionen groß und laut werden.
So signalisierst du deinem Gehirn: Alles gut. Ich bin da. Ich hab das.
Und genau da, in dieser Klarheit, entsteht Flow.

Für Eddie zählt Musik und Routine:
„Oben am Start ziehe ich meine Noise-Cancelling-Kopfhörer auf und blende alles aus. Dann gibt’s immer einen Fistbump mit Kurt, das gehört dazu.“
„Vor dem Rennen bringe ich mich zurück ins Jetzt. Drei Minuten zählt nur die Strecke. Alles andere kann warten.“
– Ed Masters


Egal, wie gut du fährst, wie fit oder erfahren du bist – dein Kopf entscheidet.
Der Moment, in dem du voll da bist, ganz bei dir und dem Trail, das ist pure Euphorie.
Nichts sonst zählt. Kein Gedanke. Kein Geräusch.
Nur du, dein Bike und der Flow.
Schalt dein Gehirn aus.
Ein wichtiger Hinweis von Taylor
Psychologie ist kein Quick-Fix.
Online-Tipps (auch diese hier) können wertvolle Impulse geben, aber sie ersetzen keine persönliche Begleitung. Wenn du merkst, dass dich mentale Themen beschäftigen, such dir Unterstützung von einer qualifizierten Fachperson.