Katharina Kruse
Patagonia
Zwischen Gegenwind und Freiheit
Patagonien war für mich lange eher so ein Gedanke irgendwo ganz weit hinten im Kopf. Nicht wirklich ein konkreter Plan, eher etwas, das sich zu groß, zu weit weg und fast ein bisschen unrealistisch angefühlt hat. Bis ich irgendwann an einem Abend, an dem ich eigentlich längst hätte schlafen sollen, komplett gedankenlos durch Instagram gescrollt habe und plötzlich auf das Bikepacking-Event Final Frontier Patagonia gestoßen bin.
3000 Kilometer durch Chile und Argentinien in 24 Tagen.
Je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto stärker wurde dieses Gefühl von: Ich muss das machen. Und gleichzeitig dachte ich mir die ganze Zeit auch, dass das eigentlich eine komplett bescheuerte Idee ist. Ich habe in dieser Nacht angefangen, alles zu recherchieren – Wetter, Route, Höhenmeter, Ausrüstung – und je mehr ich verstanden habe, desto klarer wurde eigentlich nur, wie unberechenbar diese Reise werden würde. Genau das hat mich wahrscheinlich so daran gereizt.
Am nächsten Morgen stand ich vor Tim und sagte nicht: „Hast du vielleicht Lust?“ sondern eher:
„Ich fahre nach Patagonien. Bist du dabei?“
Fünf Monate später saßen wir tatsächlich im Flieger nach Chile
Im März starteten wir schließlich in Puerto Montt im Süden Chiles. Von dort führte uns die Route über die Carretera Austral, durch Nationalparks, kleine Dörfer und endlose Weiten bis ganz nach Ushuaia in Argentinien – der südlichsten Stadt der Welt. Self-supported. Drei Grenzübergänge. Drei Fähren. 3000 Kilometer in 24 Tagen. Und ein Wetterbericht, der sich meistens eher wie eine persönliche Drohung angefühlt hat.
Schon die ersten Tage liefen komplett anders als geplant. Direkt nach unserer Ankunft wurden Tim und ich krank. So richtig krank. Und plötzlich sitzt du da irgendwo in Chile und denkst dir: Interessant. Wir starten also mit Grippe in ein 3000-Kilometer-Event und die Erinnerung an meinen letztjährigen Trip auf Island zusammen mit Miri, der auch durch Krankheit geprägt war. Drei Tage später standen wir dann trotzdem am Start in Chile – nicht wirklich fit, aber wahrscheinlich zu naiv oder zu stur, um wieder umzudrehen.
Die ersten Tage waren brutal. Regen, Kälte, nasse Schuhe am Morgen und lange Gravelpisten gehörten schnell zum Alltag. Und dieser patagonische Wind hat alles übertroffen, was ich bisher erlebt hatte. Teilweise fährt man stundenlang gegen Böen an, tritt permanent mit voller Kraft und hat trotzdem das Gefühl, kaum voranzukommen. Es gab Tage, da sind wir bergab getreten – mit Gegenwind. Und manchmal kamen Böen so plötzlich von der Seite, dass ich kurz dachte, ich werde jetzt einfach mitsamt Fahrrad nach Argentinien geweht.
Und gleichzeitig passierte dort draußen etwas sehr Seltsames. Je härter es wurde, desto ruhiger wurde mein Kopf. Weil Patagonien einem irgendwann alles Überflüssige nimmt. Du denkst plötzlich nicht mehr über Arbeit nach, nicht über Todo- Listen oder darüber, was nächste Woche passiert. Das Leben reduziert sich irgendwann nur noch auf Essen, Wasser, Schlafplatz und weiterfahren. Und genau darin lag plötzlich unglaublich viel Freiheit.
Natürlich gab es ständig diese Momente, die alles andere vergessen lassen haben: Guanacos direkt neben der Straße, türkisfarbene Seen, Sonnenuntergänge über der Steppe und Landschaften, die eher wie gemalt wirkten als real. Besonders beeindruckt hat mich, wie schnell sich dort alles verändert – von dichten Wäldern zu trockenen, fast wüstenartigen Ebenen und später zu schroffen Bergen im Torres del Paine Nationalpark.
Was mir aber fast genauso in Erinnerung geblieben ist wie die Landschaft, sind die Menschen unterwegs. Die Gastfreundschaft in Chile und Argentinien war unglaublich herzlich. Egal ob kleine Cabañas, Campingplätze oder zufällige Begegnungen am Straßenrand – wir wurden überall offen empfangen und unterstützt.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Abend in Chile, an dem wir bei einem älteren Mann gelandet sind. Offiziell war es ein Campingplatz, praktisch war es einfach sein Grundstück mit Pferden, zwei Hunden und einer kleinen Hütte. Er ließ uns dort duschen, kochen und unser Zelt unter seiner Veranda aufbauen, weil Regen angekündigt war. Und ich weiß noch genau, wie ich dort saß und dachte, wie verrückt es eigentlich ist, dass Menschen am anderen Ende der Welt dich behandeln, als würden sie dich schon ewig kennen. Gerade nach den harten Tagen unterwegs waren es oft genau diese kleinen Begegnungen, die einem wieder Energie gegeben haben.
Nach unserer Krankheit waren wir irgendwann die Letzten im Feld. Und ehrlicherweise war das wahrscheinlich das Beste, was passieren konnte. Denn plötzlich fiel jeglicher Leistungsdruck weg. Keine Erwartungen mehr. Genau da begann Patagonien für mich eigentlich erst richtig.
Mit der Zeit haben wir gelernt, uns weniger auf Kilometer oder Geschwindigkeit zu konzentrieren und mehr auf das Erlebnis selbst. Einfach wirklich dort zu sein. Im Moment. In dieser Landschaft. In dieser Erfahrung. Und ich glaube, genau das macht Bikepacking für mich so besonders.
Natürlich gab es auch die wirklich harten Momente. Tage mit Schneesturm, an denen wir aus Sicherheitsgründen evakuiert werden sollten. Tage, an denen ich komplett erschöpft und heulend im Straßengraben saß und dachte: Das ist gerade wirklich keine gute Zeit. Aber gleichzeitig waren genau das oft die Momente, die sich am stärksten eingebrannt haben.
Weil man plötzlich merkt, wie nah Schönheit und Härte manchmal beieinander liegen. Nicht obwohl es hart ist, sondern gerade deswegen.
Patagonien hat mir gezeigt, wie wenig man eigentlich kontrollieren kann. Wenn Gegenwind ist, dann ist Gegenwind. Und irgendwann hört man auf, dagegen anzukämpfen. Man akzeptiert einfach, dass heute alles länger dauert. Dass man langsamer ist. Und dass man trotzdem weiterkommt. Vielleicht ist genau das etwas, das wir im Alltag oft verlernt haben.
Als wir schließlich Ushuaia erreichten, war das Event zwar offiziell gefinisht, aber das Ziel selbst längst nebensächlich geworden. Viel wichtiger war alles, was dazwischen passiert ist – die Erschöpfung, die Zweifel, die kleinen Glücksmomente, das gemeinsame Durchhalten und dieses Gefühl, sich komplett auf das Unvorhersehbare einzulassen.
Nach 24 Tagen, unzähligen Avocadobroten, viel zu vielen nassen Socken und einer emotional wirklich fragwürdigen Beziehung zu gefriergetrocknetem Essen standen wir schließlich am Ende der Welt. Als Letzte im Ziel.