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Elladee Brown

Silberkreis

Aufbrechen

Für mein jüngeres ich war Trout Lake mehr als nur ein Ort – es war eine eigene Welt. Versteckt im Südosten von British Columbia wirkte dieser Flecken Erde wie ein geheimes Reich: endlose Wälder, glasklare Seen, nebelverhangene Täler, wilde Flüsse und zerklüftete Gipfel. Auch heute, viele Jahre später, hat der Ort nichts von seiner Magie verloren. Hier formten Gletscher und die feuchte Pazifikluft eine Landschaft voller Kontraste, eine Heimat des einzigen temperierten Regenwalds im Inland. Über 3000 Meter hohe Berge rahmen Täler ein, in denen riesige Zedern und Hemlocktannen wachsen.

Ich bin in Nakusp aufgewachsen, nur eine Stunde entfernt. Früher fuhren wir, meine Mutter, mein Bruder und ich, regelmäßig nach Trout Lake, um meinen Vater in den Holzfällercamps zu besuchen. Für ein Kind in den späten 70ern war das der pure Zauber. Nicht nur die Natur, sondern die Menschen: schillernde Persönlichkeiten wie Minnie Marlow, eine lokale Legende, oder Red Kelly, die Camp-Köchin mit scharfem Verstand und schärferer Zunge. Heute würde ich sie als „Gegenkultur“ bezeichnen – eigenwillige Freigeister, die dem Mainstream den Rücken kehrten und das Leben auf ihre Art lebten.

Zur Zeit des Goldfiebers, in den 1890ern, war Trout Lake ein boomender Ort mit über 2.000 Einwohnern. Hotels, Krankenhaus, Gefängnis, Eishalle, sogar ein Damenhockeyteam – es gab alles. Heute ist es still geworden, kein Handyempfang, knapp 40 Bewohner. Aber die Geschichte lebt weiter, in den Trails, in den alten Häusern. Eine Geschichte hat mich besonders gepackt: die von Alice Jowett. Ihre Spur kreuzte meine mehr als ein Jahrhundert später – auf zwei Rädern.

Vor fünf Jahren, auf einem EMTB-Familientrip, kehrte ich zurück nach Trout Lake und auf den Silvercup Ridge. Es war sofort wieder da: dieses Gefühl von Herausforderung und Schönheit. Der Silvercup Trail ist der längste Gratweg in den Kootenays, eine Gebirgskette im Südosten von British Columbia, rund 26 km oberhalb von Trout Lake. Früher das Gebiet mit dem höchsten Goldgehalt aller Silber-Blei-Minen Nordamerikas. Man kann ihn theoretisch mit einem Bio-Bike fahren, aber in der Praxis bedeutet das mehr Schieben als Fahren. Steil, fordernd, nie wirklich eben.

Klare Karten? Trail-Apps? Auf keinen Fall. Hier muss man wissen, wohin man will und wen man fragen kann. Die Wege verschwinden in Geröllfeldern, die Pfade werden von Büschen verschluckt. Verschiedene Forststraßen führen hinauf, aber nur mit lokalem Wissen kommt man wirklich durch. Genau das machte mich neugierig: Ich wollte die Route finden, die den Grat von Anfang bis Ende verbindet.

Und da tauchte Alice Jowett wieder auf. Laut Arrow Lakes Historical Society ließ sie viele dieser Pfade Anfang des 20. Jahrhunderts anlegen. Ihre Lieblingsmine war „Foggy Day“, dort steht heute ein Denkmal zu ihren Ehren, direkt neben dem Trail.

Mit 35 verwitwet, verließ sie Yorkshire mit ihren drei kleinen Kindern. In Vancouver fing sie bei null an, mit nichts außer ihrem Wissen über Süßwaren. Sie verkaufte Gebäck auf der Straße, eröffnete schließlich die erste Bäckerei der Stadt. Doch ständige Strafen für Sonntagsverkauf trieben sie raus aus der Stadt, rein ins Abenteuer: nach Trout Lake.
Dort übernahm sie zuerst eine Pension, später das Windsor Hotel, ein stattliches Gebäude mit drei Etagen, das zu ihrer Erbe geworden ist.

Das Windsor Hotel steht noch heute, nahe dem Lardeau River, der in den 22 km langen Ribbon Lake hineinfließt. Die heutigen Besitzer, Brian und Lisa, pflegen es liebevoll. Wer hier übernachtet, macht eine Zeitreise: knarzender Holzboden, Zedernluft – man spürt Alice überall.

Es heisst, Alice Geist lebt weiter. Nicole Daney, eine Freundin aus Nakusp, ist Alice’ Ururenkelin. Sie arbeitete früher selbst im Windsor. Ihre Erinnerungen? Flackerndes Licht, zuschlagende Türen, wackelnde Betten – alles mit einem Augenzwinkern. Granny Jowett, die lustige Gastgeberin aus dem Jenseits.

Diesen Juli machte ich mich erneut auf den Weg: den gesamten Silvercup-Grat mit e-MTB fahren. Mit dabei: gleichgesinnte Abenteurer. Jen Zeuner und Anne Keller aus Colorado, meine Freundin Kim aus Québec, erfahren, aber neu im Backcountry. Und Chris Lawrence, aka „Larry Lunchbox“, mein Kumpel aus Freeride-Zeiten. Er war schon vor fünf Jahren bei unserer ersten e-Bike-Erkundung dabei und genauso begeistert wie ich.

Ein Trip in die Wildnis braucht einen Plan und ein Team. Unser Bodenteam: Charity (Chris’ Partnerin), meine Kindheitsheldin Jen Stanger, und Brenda McIntyre von Vancouver Island. Wir trafen uns im Windsor, badeten im See, gönnten uns Eis und besuchten den alten, vom Wald überwachsen, Friedhof. Das Leben hier war nie leicht. Für viele endete es bei der Arbeit im Bergwerk.

Und trotzdem, oder gerade deshalb, bewundere ich Alice nur noch mehr. Ohne GPS, ohne Funk, meisterte sie diese raue Landschaft. Trout Lake ist fast unerreichbar, und trotzdem hat der Ort heute Charme, Seele und eine stolze kleine Community.
Pflasterstraßen, Wasserversorgung, Eisstand, Marina, Campingplatz und manchmal trifft man sogar noch einen Goldsucher, der sein Glück probiert.

Und das war erst der Anfang. Jetzt nimmt unsere Crew Kurs auf die Triune-Mine, einen weiteren historischen Ort am Rand des Silvercup. Perfekt, um Bike, Körper und Akku auf die Probe zu stellen.

Was bleibt, ist die Verbindung zwischen gestern und heute. Hier fahren wir mit Hightech-Bikes über alte Pferdepfade. 125 Jahre später und der Spirit ist derselbe: Abenteuer kennt keine Zeit.